Monat: Juli 2007

  • Sophokles Antigone 2.Standlied d. Chors: Texterschließung, Analyse & Menschenbild

    Gliederung:

    1. Differenzen im Menschenbild verschiedener Kulturen

    2. Erschließung des zweiten Standliedes
    2.1. Strukturierende Inhaltsangabe
    2.1.l.  Seligpreisung (Vers 583)
    2.1.2. Macht d. Götter (Vers 584 & 585)
    2.1.3. Bedrohung des Menschen durch die Natur (Vers 856 – 591)
    2.1.4. Beständigkeit des Fluches beim Geschlecht der Herrscherfamilie Thebens (Vers 594 – 602)
    2.1.5. Gegensatz von Götterglanz d. Zeus und Menschenunheil (Vers 604 – 613)
    2.1.6. Hoffnung und Erkenntnis (Vers 615 – 625)

    2.2. Menschenbild des Dramas und die damit verbunde sprachliche Analyse der Passage
    2.2.1. Mensch als herrschendes Wesen
    2.2.2. Mensch als ohnmächtiges Wesen

    3. Vergleich des Menschenbildes der griechischen Antike und des antiken bzw heutigen Christentums

    Die Menschen, das sind wir, die auf der Erde schalten und walten. Jeder Erdteil beherbergt die unterschiedlichsten Rassen, Religionen und Kulturen, was unter anderem ein Grund für die vielen
    verschiedenen Ansichten, was die Position des Menschen betrifft, ist. Das Menschenbild hängt sehr oft von der jeweiligen Religion ab. So werden Menschen und Gott in vielen asiatischen Glaubensrichtungen als Einheit von Schöpfer und Schöpfung gesehen. In der griechischen Antike dagegen  wird man mit einem komplett anderem Verständnis von der Rolle des Menschen konfrontiert. Das, von Sophokles verfasste, Drama der Antigone verschafft einen klaren Eindruck des damaligen Menschenbildes.

    Der Chor, der permanent in diesem Stück auftaucht beschreibt oft die, zu der Zeit herrschenden, Verhältnisse und Anschauungen. So auch im zweiten Standlied des fortgeschrittenen Dramas.
    Es beginnt bei Vers 583, wo der einleitende Satz jene Menschen preist, deren Leben frei von einem Fluch ist.
    Somit wird zum zentralen Thema, nämlich eben solch ein Fluch, hingeführt.
    Die nächsten beiden Verse, Vers 584 zbd 585, befassen sich mit der Macht der Götter. Sie sind es, die unser Leben negativ beeinflussen können und sollte dies geschehen, haben die Generationen keine Möglichkeit dem zu entkommen sondern müssen die Schmach ertragen.
    Die urgewaltige Macht der Götter beinhaltet auch die Gewalt der Natur, welche die Menschen bedroht. In dem Abschnitt von Vers 586 bis 591 wird die Zerstörungskraft der Elemente beschrieben.
    Die zweite Strophe, die Vers 594 bis 602 umfasst, beschäftigt sich mit der Geschichte des Herrschergeschlechts von Theben. Eben solches Unheil zieht sich seit Anbeginn der Zeit durch diese Familie und trifft nun auch Antigone, die durch Kreons „gedankenloses Wort und Geist der Rache“ (V.602) zum Sterben verurteilt wurde.
    Götter sterben nicht und sind für alle Zeit und Zukunft frei von Schuld auch wenn sie Unheil zulassen. Zeus wird angerufen und dessen Macht dargestellt.  Doch die Menschen sind der Gesetzmäßigkeit des Lebens voller Leid unterworfen und gezwungen dieses zu bestreiten. Dieser Gegensatz und wird in den Versen 604 mit 613 beschrieben.
    In den folgenden Versen 615 bis 625 spielen Hoffnung, Weisheit und Erkenntnis eine entscheidende Rolle. Die Hoffnung ist vielen Leidtragenden ein Trost, bis jene erkennen, wie ahnungslos sie bis jetzt ihren Weg gegangen sind. Sie haben nicht bemerkt, dass das was Gut zu sein schien in Wahrheit schuldbringend war und es nur kurze Zeit so ausgesehen hatte, als wäre das, von den allmächtigen Göttern gewollte, Schuldbringende gut.

    Der Götterwille steht weit im Vordergrund, allerdings wird zu Beginn des Dramas ein Selbstverständnis der Menschen in einer herrschenden Position deutlich. Im ersten Standlied  wird die Unterwerfung der Tiere und der Natur (erste und zweite Strophe), sowie die Harmonie zwischen Göttern und Menschen und das Dasein derer als entwickelte, selbstständige und geistreiche Wesen (dritte und vierte Strophe) behandelt.
    Neben diesem positiven Verständnis dominiert allerdings auch ein anderes Bild des Menschen. Dieses durchläuft im gesamten Drama eine Modifikation. Im zweiten Standlied wird es zunehmend negativer. Es wird vor allem die Ohnmacht des menschlichen Wesens betont. Zum einen Ohnmacht, einen Fluch zu unterbrechen und ihn von der Familie abzuwenden. Die Synekdoche für Familie („Haus“) wird in Vers 584 verwendet um diese Vererbung zu verdeutlichen. Weitere Synekdochen in Vers 594 („Labdakos’ Stamm“ für die Herrscherfamilie Thebens) und in Vers 600 („letztem Spross des Ödipus“ für Antigone die, neben Ismene, letzte Nachfahrin der Königsfamilie ist) bekräftigen diese Aussage.
    Zum anderen Ohnmacht, dem von den Göttern bestimmten, Unheil entgegenzuwirken, bzw gegen die Macht der Götter anzukommen. Das zweite Standlied ist in vier Strophen, zu je sieben Verse gegliedert. Wie man auch aus der Bibel kennt, ist die Zahl sieben eine bedeutungsvolle göttliche Zahl, die in diesem Fall auch die Herrlichkeit und Macht der Götter ausdrückt. Die rhetorische Frage, in den Versen 604 mit 605, betont ebenfalls noch einmal die Göße des Zeus. In Vers 586 verstärkt wieder eine Synekdoche („Thrakerstürme“ für die alten Götter des Urvolkes) den Einfluss der Gottheiten. „Olympos’ [lichter] Glanz“, ein Pleonasmus in Vers 610 unterstreicht ebenfalls die gewaltige Stärke des Götterwillens, gegen den die Menschheit nichts auszurichten vermag. Und war anfangs im ersten Standlied noch die Rede von der Übermacht des Menschen über die Natur, so bekräftigt eine metaphorische Ausdrucksweise, wie in den Versen 586 bis 591 die Ohnmacht dessen.
    Durch gehäufte Enjambements werden einzelne Ausdrücke hervorgehoben und ihre Relevanz somit deutlich gemacht. In den Versen 616 und 617 findet sich eine Anapher, die noch einmal bekräftigen soll, wieviele Menschen doch ahnungslos nach dem Willen der Götter leben und handeln.

    Die dominierende Überzeugung damals war also, dass die Menschen von den Göttern geführt und gelenkt wurden und ein vorbestimmtes Schicksal hatten, an dem nichts zu ändern war. Götter wurden als bestrafend und unheilbringend angesehen und einem jeden Individuum, welches keine große Bedeutung hatte, war ein solches Leben bestimmt. Eine ähnliche Sichtweise zeigt auch das Alte Testament. Auch dort wurde Gott als strafender und leidbringender Gott gesehen und dementsprechend wurden die Gläubigen unterworfen und waren in dieser Hinsicht ebenfalls ohnmächtig, dem Leiden zu entgehen. Mit der Entstehung des Neuen Testaments hat sich diese Einstellung jedoch stark geändert. Gott, wie wir ihn heute kennen, ist gütig und verzeihend und versucht jedes Unheil von uns abzuwenden. Damals war dieses Menschenbild wohl noch notwendig um die Menschen dem Herrscher mit Hilfe der Götter untertänig bleiben zu lassen. In der heutigen Zeit unserer modernen Gesellschaft mit starken Individuen wäre ein solches Selbstverständins jedoch undenkbar. Wir müssen nicht geführt werden, denn wir können mit Gottes Unterstützung unser Schicksal selbst in die Hand nehmen.

  • Gottfried Benn und der Nationalsozialismus

     Gottfried Benn und der Nationalsozialismus

    Personen: 1. Gottfried Benn vor 1933, 2 Gottfried Benn 1933-1934(für den Nationalsozialismus), 3 Die Zeit der Ernüchterung und die Zeit des Zurückziehens, 4 Benn nach 1945, Max Herrmann Neise, kommunistische Mitglieder des Redaktionskomitees, Klaus Mann, das schwarze Korps
    Kunst und Staat(Benn vor 1933)
     „ es ist schwierig, in die Problematik der Kunst und ihrer Stellung einzubringen, da sie die Problematik der geschichtlichen Bewegung an sich umschließt, ihrer Regungen, ihres Charakters und ihres Untergangs. Es ist schwierig, in diese Problematik einzudringen, da es wie bekannt, eine grundlegende Soziologie der geschichtlichen Bewegung nicht gibt. Immer wird die kollektivistische Hypothese der individualistischen gegenüberstehen, immer die Theorie vom Sichtschichtung der des Führers, des großen säkularen Typs, in dem das Besondere und das Allgemeine magisch koinzidiert. Aber von wo immer man sich dem Phänomen des historischen Prozesses nähert, ob mit der synoptischen oder mit der kausalgenetischen Methode, ob man das Einheitliche betont oder da Katastrophale, eines wird sich wohl beschreiben lassen, wenn man die Beziehung überdenkt: erhielte sich ein Staat durch Straßenbeleuchtung und Kanalanlagen, wäre Rom nie untergegangen -: immanente geistige Kraft wird es wohl sein, die den Staat erhält, produktive Substanz aus dem Dunkel des Irrationalen. Und hier könnte die Stelle sein, wo es politisch wird. Das an sich nihilistische Problem der Kunst.“

    Die erste Konfrontation der Kunst und der Politik: Politisierung der Kunst
    1928 Benns Gesammelte Prosa, Max Herrmann Neise widmete Benn in einer Literaturzeitschrift. eine begeisterte Besprechung“ Es gibt auch in dieser Zeit der literarischen Lieferanten politischer Propagandamaterialien das Beispiel eines unabhängigen, überlegenen Welt-Dichters. Es gibt neben dem kess intellektuellen Publikumsliebling, dessen Vokabularien, snobistische Allüre, zu Nichts verpflichtender Radikalismus leicht eingehen, den wirklich, naturhaft selbstständigen Geist, dessen urwaldblühender Nihilismus in Wort und Logik ganz vom Neuen beginnt. Es gibt Gottfried Benn.“
    Die kommunistischen Mitglieder des Redaktionskomitees erklären daraufhin demonstrativ ihren Austritt. „ ….Für uns hat der literarische Lieferant polischen Propogandamaterialien turmhoch über dem überlegenen Weltdichter zu stehen, über allen Benns und Stefan Georges.
    Die kommunistischen Parteigenossen  tun alles aus politisch taktischen Überlegungen.
    Vor 33 Benn dazu (1929): Becher und Kisch gehen davon aus, dass jeder, der heute schreibt, es im Sinne der Arbeiterbewegung tun müsse. Warum eigentlich? Schaurige Welt, kapitalistische Welt, seit Ägypten den Weihrauchshandel monopolisierte und babylonische Bankiers die Geldgeschäfte begannen. …. Es gab schon immer Gegenbewegungen. Nach 3 Jahrtausenden darf man sich wohl den Gedanken nähern, dies alles sei weder gut noch böse, sondern rein phänomenal. …..So bist du und du wirst nie anders sein, so lebst du, so hast du gelebt und so wirst du immer leben. Wer Geld hat, wird gesund, wer Macht hat, schwört richtig, wer Gewalt hat, schafft sich recht. Die Geschichte ist ohne Sinn, keine Aufwärtsbewegungen mehr, keine Illusionen. Diese Lehre erscheint mir weit radikaler und erkenntnisreicher als die Versprechungen der politischen Parteien.
    Heinz Ullstein, der Benn mit Heinrich Mann bekannt machte, schreibt: Heinrich Mann nahm die Politik ernst, Benn nicht.
    Benn kannte sich in der hektischen Politik jener zeit überhaupt nicht aus, dazu muss man auch sagen, dass die Politik der Weimarern Republik so unüberschaubar und chaotisch war, dass viele sich den extremen Parteien zuwenden, um die Situation grundlegend zu verbessern, viele aber auch einfach jegliche Hoffnung in ihr verlieren und sich von der Politik abwenden. Dazu gehört eben Benn.
    In dieser Zeit gewahrte er nur eine politische Richtung, nämlich die extreme Linke, die eine übermacht im literarischen Kreis darstellte. Gegen diese Übermacht, mit ihrer lautstark proklamierten Kunstfeindseligkeit, musste Benn sich oft behaupten.
    1932 Benn durch Heinrich Mann als Mitglied der Preußischen Akademie der Künste aufgenommen.
    Ende des Jahres 1932 Benn: „Der ewige Friede auf Erden, der ewige Frühling am Nordpol, der ewige Friede unter einem Geschlecht: Nein, auch nicht unter dem Weihnachtsbaum kann ich mir vorstellen, dass sich die Geschichte demokratisch gibt, ein anderes Sein hat als die Wirklichkeit, andere Methoden als die der Macht und der Gewalt, anderes Gericht über die Völker als Entfaltung oder Untergang….ich bin für ein starkes, tankgesichertes, betonuntermauertes Militärbündnis mit Frankreich, das würde wenigstens für einige Generationen die Welt im Arm wiegen wie ein Wickelkind“
    Mit dem 30.1.1933 begann nicht nur das dritte Reich sondern auch das was man als unverzeihlichen Irrtum oder sogar den Verrat Benns nennt.
    Der Verrat: Benn erklärte sich freiwillig und öffentlich für den neuen Staat
    Durch zwei Vorträge im Rundfunk. Der neue Staat und die intellektuellen (24.4.33),
     noch mehr durch den einen Monat späteren Vortrag: Antwort an die literarischen Emigranten(öffentliche Antwort an Klaus Mann).
    Vorlesen: Antwort an die literarischen Emigranten, Benn 1933-34: Teil-Fassung, Benn Doppelleben S. 82-84
    Vorlesen des Briefes von Klaus Mann (Sohn von Thomas Mann) Benn Doppelleben 77-82(muss noch gekürzt werden)
    Benn nach 1945 dazu: dieser 27 Jährige hatte die Situation richtiger beurteilt, die Entwicklung der Dinge genau vorausgesehen, er war klarerdenkend als ich, meine Antwort war demgegenüber romantisch, überschwänglich, pathetisch……
    Schauen wir seinen Beitrag noch einmal an, ist dies eine Verteidigung des Nationalsozialismus, oder geht es doch um etwas ganz anderes? Benn glaubte damals an eine echte Erneuerung Deutschland, einen Ausweg aus der Erstarrung zu sehen. Er propagierte dafür dass das Volk das Recht habe seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn dieser Weg von allen Seiten kritisiert wurde.
    Benn glaubte nicht an die Emigration, das Vaterland zu verlassen heißt für ihn fliehen, und dazu sah er keinen Anlass.
    Benn und der Antisemitismus, Benn hat auch während seiner NS freundlichen Phase nie ein Wort gesagt, dass man auch nur im Entferntesten als antisemitistisch interpretieren kann. Er verehrt Else Lasker Schüler, hatte viele jüdische Freunde und Bekannte. Auch von seinem Elternhaus kam keine judenfeindlichen Einflüsse Benn4(Doppelleben): Es wäre völlig ausgeschlossen gewesen, dass in meinem Vaterhaus ein antisemitistischer Gedanke gefasst oder ausgesprochen worden wäre, ein Gedanke gegen ein Volk, aus der Christus hervorgegangen war. Zusammenfassend: Ich hatte nie daran einen Zweifel und bezweifele es auch heute nicht, dass die Periode meines Lebens ohne den nichtarischen Anteil an der Zeit völlig undenkbar wäre.  
    Die Lage in der Preußischen Akademie für Künste, Sektion der Dichtung. Die berühmtesten Mitglieder sind emigriert, ein halbes Dutzend Mitglieder blieben übrig und werden langsam von NS-treuen Autoren bedrängt und verdrängt. Nach Juni 1933 hat Benn nichts mehr von der Akademie gehört oder gesehen.
    Er hatte keine parteinahen Freunde oder Bekannten, kannte noch nicht einmal das Parteiprogramm der NS, hat nie an Sitzungen oder Besprechung über Politik teilgenommen, auch nie Hitlers Buch gelesen.
    Die NS war dem Expressionismus feindlich gegenübergestellt
    Fast alle seine  persönlichen Überzeugungen lassen sich nicht mit denen der Nazis vereinbaren
    Wie kam es, dass er dennoch, wenn auch nur für kurze Zeit die NS unterstützte?
    Er ist in das System hineingestolpert, es war wie er es ausdrückte dem Schicksalsrausch unterworfen und wurde mitgerissen.
    So wie so viele: wieso verzeiht man es ihm nicht, wieso diskutieren die Leute seit 1945 immer und immer wieder dieses Thema? Eben weil der Betreffende nicht ein ahnungsloser und bedeutungsloser Fabrikarbeiter war, sondern Gottfried Benn, einen Menschen, den man sonst verehren möchte. 
    Wie konnte das geschehen:
    Naivität und politische Unkenntnis
    glaubte in zwischen den Zeilen der Nazis Gemeinsamkeiten zu seiner eigenen Auffassung zu erkennen
    Er befürwortet die NS Abneigung gegen den Kommunismus wenn auch aus anderen Gründen
    Benn rebelliert gegen Naturwissenschaft und Humanität, beschwört eine primitive Lebensweise, nach der das „ Blut“ der „ Jugend“ schreit(nazistisches Element)
    Glaubte an die Legalität der neuen Regierung
    Benn war sehr patriotisch, und Heimatgebunden
    erhoffte sich eine Erneuerung und Verbesserung des Kunstverständnisses und der Gesamtlage
    Verlangen nach Rückschritt und Befreiung des Intellekts
    Der Faschismus in Italien als Vorbild, der den Futuristen Marinetti als Exzellenz und Präsident der römischen Akademie der Künste
    Die vermeintliche Sympathie der Nazis für Nietzsche
    später mit der Ansicht die Nazis noch lenken zu können
    Immerhin kann man Benn auch während seiner NS-freundlichen Periode keine Feigheit vorwerfen, ua. Verteidigte er den Expressionismus: Verlesen Teile aus Expressionismus(1933):
    Das Maß an Interesse, das die Führung des neuen Deutschlands den Fragen der Kunst entgegenbringt, ist außerordentlich. Diese großartige Bereitschaft für Dinge der Kunst wird sicher geneigt sein, den geringen Einwand gelten zulassen, den ich im Folgenden über ein bestimmtes Kunstproblem aussprechen möchte. Diese starke Front von Glauben an eine neue große deutsche Kunst ist nämlich zurzeit nicht weniger eine starke Front von Ablehnung des Stils und Formwillens der letzten deutschen Periode, den Expressionismus, der als entartet, anarchisch-snobistisch, als Verhöhnung des Volkes und Kulturbolschewismus bezeichnet wurde. Ein berühmter deutscher Dichter steht nicht an, sich dahingehend zu äußern, dass Deserteure, Zuchthäusler und Verbrecher das Milieu dieser Generation bildeten. Er führt Namen an und darunter auch den meinen. So will ich denn aus diesem Schicksal heraus, zumal ich der Einzige von dieser ganzen zersprengten Gemeinschaft bin, der die Ehre hat, in der neuen deutschen Akademie der Dichtung einen Sitz zu haben, noch einmal vor diese Gemeinschaft treten.Vor ihren Namen treten, die Erinnerungen wachrufen und auf gewisse Dinge zu ihrer Verteidigung hinzuweisen, zur Verteidigung einer Generation, deren erste Blüte der Krieg zerstörte und auf deren Schultern ungeheure existenzielle Lasten lagen. Der Expressionismus ist keine deutsche Frivolität und auch keine ausländische Machenschaft, sondern ein europäischer Stil. Der Futurismus als Stil, auch Kubismus genannt, in Deutschland vorwiegend als Expressionismus bezeichnet, vielfältig in seiner empirischen Abwandlung, einheitlich in seiner inneren Grundhaltung als Wirklichkeitszertrümmerung, als rücksichtloses An-die Wurzel-der-Dinge-Gehen bis dorthin, wo sie nicht mehr individuell und sensualistisch gefärbt, gefälscht, verweichlicht, verwertbar in den psychologischen Prozess verschoben werden können, sondern im akausalen Dauerschweigen des absoluten Ich der seltenen Berufung durch den schöpferischen Geist entgegensehen-, dieser Stil hatte schon seine Vorankündigung im ganzen neunzehnten Jahrhundert.
    Ist es denn überhaupt möglich, dass die Nazis versuchen könnten, aus Benn ein Paradepferd zu machen? Nein dies ist nicht sehr realistisch:
    Benn ist schon immer exotisch, exzentrisch und standhaft: in einem Wort: unangenehm gewesen. Außerdem können aus nicht schwer sichtbaren Gründen keine zeitgenössischen Literaten oder Denker als Paradepferd des NS gehalten werden. Denn wissen ist immer gleich Macht, und macht wird in jedem autoritären Regime beargwöhnt. Die, die man nun als Paradepferde brauchte und missbrauchte waren lange Tod und können sich nicht mehr verteidigen: siehe Nietzsche, Rilke, Hölderling Etc.
    Und so wurde Benn als bald auch schon angegriffen: 1933 bereits wurde Benn von der Liste der Ärzte gestrichen, die bestimmte Atteste ausstellen durften. Wurde beauftragt Anlass des Todes von Stefan Georges eine Rede zu halten, sein Auftreten wurde jedoch untersagt.
    Benn hatte dann 33 schon Zweifel an seiner Überzeugung, 34 folgte die endgültige Ernüchterung. Genauer gesagt zum 30. 6.34 der (Röhm-Revolte), wo einhundert missliebige Persönlichkeiten ohne Urteilsspruch ermordet wurden
    Konsequenzen ziehen: Benn Doppelleben:“ Um mich zurückzuziehen gab es für mich nur einen Weg, er lautet: die Armee“ durch Verbindungen. „ Die Armee ist die aristokratische Form der Emigration“, eine wirkliche Emigration, die durchaus noch möglich war, kam nicht in Frage
    Hannover, Benn3„ Bitte noch eines, wenn ich in ein Büro komme, muß ich da Heil Hitler sagen oder Guten Morgen?“ „ Murmeln sie „Morjen“ das reicht.“
    Drei/ Viertel des Heeres waren keineswegs NS-Anhänger
    1935 Eintritt in das E-Offizierskorps, (Ersatz), Die Offiziere waren von der alten Schule, mit einem ausgemachten Bewusstsein für Ehre und Einfachheit der Lebensführung(Hannover)
    Das schwarze Korps: Der Selbsterreger(1936): Bei manchen und gewissen Leuten ist das Dichten eine Art geistiger Verdauungsprozess, bei dem zwangsläufig übelriechende Blasen aufsteigen. Erinnern wir uns nur des Berserkers Alfred Kerr, dessen Gemauschel die geistigen Mistbeet in Deutschland auf das angenehmste zu fördern wusste. Die Zeiten jener Gedichte eines Tucholsky, Kerr, Kästner und wie sie alle heißen mögen, sind dahin, nur einige vereinzelte von Spinnweben romantisch umzogene und bereits reichlich verwitterte Säulen zeugen vom Untergang jenes Zeitalters. Eine dieser Säulen ist Gottfried Benn, dessen „ Ausgewählte Gedichte“ wir mit tiefer Ergriffenheit in der hand halten. Die Deutsche Verlagsanstalt, die für die munteren Zeilen des „ Selbsterregers“ verantwortlich zeichnet, gibt dem band ein Wort mit auf dem Weg, das unsere Neugier nicht umsonst gereizt hat. Er heißt nämlich „ hier singt der männliche Käpfer, der tragisch heroische Mensch, der den Weg Nietzsches zu Ende ging, ohne umzukehren. Staunend sehen wir uns diesen Weg des aufgenietzschten Herrn Benn an und stellen fest, dass er ein „ Selbsterreger“ ist. Wenigstens glauben wir, ihm keineswegs Unrecht damit anzutun, wenn wir das Gedicht „ Selbsterreger“ auf ihn selbst beziehen. 
     Benn3:

     Dir-von Sonnenblumen,
    abgeloschnem Beet,
    die von Altertumen,
    das zur Rüste geht,
    Vendraminpalästen,
    tödlichem lagun,
    wo das Herz in Resten
    und die Blicke ruhen

    Dämmerungen-keine
    Allgemeintendenz,
     manchmal rührt ihn eine
    leise Immanenz,
    ihn, den Selbsterreger,
    Stern und Sternentraum,
    den Bewusstseinsträger
    stumm im Eigenraum….

    Das schwarze Korp weiter: Gib es auf, Dichter Benn, die Zeiten für derartige Ferkeleien sind endgültig vorbei. Das Publikum kann schließlich nicht feststellen, ob es sich bei oben wiedergegebenen Extrakten um sogenannte „ Jugendverirrungen“ handelt. Verwunderlich ist noch die deutsche Verlagsanstalt, die es im Jahre1936 wagt, eine derartige Geistesverblödung ins Volk zu tragen und zum Überfluss noch den Hersteller als Dichter mit deutschen Heroen vergleicht.
    Benn3 im Brief an Frank Maraun: „ Ich bin einöffentliches Ferkel. …alles bekämpfen sie, bloß selber leisten, das können sie nicht. …Ich dachte was geschähe wenn heute Penthesilea erschiene. Eine Frau, die einen Mann liebt, Archill, ihn tötet und mit den Zähnen zerreißt! Zerfleischt! Sind wir denn Hunde, wir sind Germanen! Perverser Adliger wagt seine vertierte Brunst Germanenfrauen vorzusetzen! Degenerierte Offiziers- und Junkerkaste besudelt mit schmutzigsten Orgasmen keusches deutsches Heldenweib! U.s.w. Kurz: Kleist lebte nicht lange.“ 
    Der Vorgesetzter Benns in der Armee: Das schwarze Korps ist ein solches Saublatt, es kann einen Offizier gar nicht beleidigen-wenn es sie lobte, wäre es anders-der Fall ist erledigt. Sie bleiben.
    So ähnliche Situationen gab es auch noch öfter, obwohl Benn seit 36 nichts mehr veröffentlicht hat. Doch dank das Wohlwollen der Vorgesetzten und großes Glück überlebte er die Angriffe und durfte auch seine Stellung als Offizier behalten.
    Benn wurde später nach Berlin zurückversetzt, VERLAG Lehmann“ Säuberung des Kunsttempels.
    1938 Schreibverbot:
    Notiz Benn in seinen Notizbuch
    Expressionist!
    Eine Münze wird man dir nicht prägen,
    wie es Griechenland für Sappho tat,
    dass man dir nicht einschlägt deinen Brägen,
    ist in Deutschland schon Kultur-verrat
    Da Benn als belastet galt, hatte er nur noch wenig Freunde und Bekannte
    Block II, Zimmer 66, In der Kaserne, „ wo Leute aufgebildet werden und zur Front verfrachtet werden
    Benn zu Propaganda der NS: Doppelleben S. 135
    Dann das Ende, seine Frau stirbt(Selbstmord)
    „ Du stehst für Reiche, nicht zu deuten, und in denen es keine Siege gibt,

    und Heißt dann: schweigen und walten,
    wissend, dass sie zerfällt,
    dennoch die Schwerter halten,
    vor der Stunde der Welt.